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Gamsbart und Dirndl erobern die Republik

Samstag, 25. September 2010 | Autor:

Niemand kann sich derzeit dem Oktoberfestwahn entziehen. Von Kiel bis Konstanz versuchen Trittbrettfahrer aus Gastronomie und Handel, Kapital aus der “Wiesn” zu schlagen und bieten Mottoparties oder ein spezielles Warensortiment an. Dabei spielen Originalit├Ąt und gewachsene Kultur keine Rolle, entscheidend ist einzig und allein der Umsatz.

Insbesondere in Franken bekommt man derzeit das beunruhigende Gef├╝hl, die Bajuwarisierung habe dieses Jahr eine neue Qualit├Ąt erreicht. Mit wei├č-blauen Rauten geschm├╝ckte Schaufenster so weit das Auge reicht, Superm├Ąrkte werben mit Wiesn-Sonderangeboten, in der Fu├čg├Ąngerzone bekommt man von einem Sepplhuttr├Ąger in Lederhosen einen Werbezettel zugesteckt mit der Aufschrift ÔÇ×Franken feiert die WiesnÔÇť.

Modeprospekte im Briefkasten suggerieren uns, dass wir jetzt schnell noch alle ein Dirndl oder eine Tracht zum Oktoberfest k├Ąuflich erwerben m├╝ssten, weil es ÔÇ×total im TrendÔÇť w├Ąre. Ein Festzeltvermieter aus Franken vermietet stolz seine wei├č-blau gestalteten Grausamkeiten, die eher an mobile Massenabfertigungshallen als an fr├Ąnkisch-gem├╝tliche Volksfestzelte erinnern.

Die Deutsche Bahn bewirbt Ihre Sonderz├╝ge zur Wiesn und selbst am Arbeitsplatz meinen einige fr├Ąnkische Kollegen, derzeit w├Ąre es angebracht, in Tracht zur Arbeit zu erscheinen.

Junge Menschen treffen sich in Ansbach, Bayreuth oder Aschaffenburg in Diskotheken und Kneipen zu Mottofeiern mit dem Dresscode ÔÇ×wei├č-blauer H├╝ttenzauberÔÇť oder “Bayerische Dirndl-Night“.

Im Einkaufszentrum um die Ecke spielt eine fr├Ąnkische Bla├čkapelle die Bayernhymne und parallel gibt es eine Schuhplattler-Einlage vom ├Ârtlichen Heimatverein zur Belustigung.

Die Liste k├Ânnte man sicher beliebig fortsetzen.

Liebe Franken, wo soll das noch hinf├╝hren? Gibt es bald ein fr├Ąnkisches Lebkuchenfest in M├╝nchen, einen Tag der fr├Ąnkischen Bratwurst in Rosenheim oder ein fr├Ąnkisches Bier- und Weinfest in jedem schwedischen Einrichtungshaus in der gesamten Bundesrepublik?

Mit Sicherheit nicht, denn Kultur und Brauchtum kann man nicht kopieren. Nun kann man diese bayerische Zwangsbegl├╝ckung durch die Werbeindustrie leider nicht beeinflussen und insbesondere kann man unseren bayerischen Nachbarn aus der Landeshauptsadt nicht vorwerfen, dass Sie ihre gewachsene Kultur leben.

Wir m├╝ssen uns vielmehr an die eigene Nase fassen, warum wir dieses teilweise befremdliche kommerzielle Theater so ergiebig und unreflektiert mitspielen.

Wir sagen ÔÇ×JAÔÇť zum Oktoberfest ÔÇô aber BITTE NUR IN M├ťNCHEN!

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